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sie spielen ein spiel.
sie spielen damit, kein spiel zu spielen.
zeige ich ihnen, dass ich sie spielen sehe,
dann breche ich die regeln, und sie werden
mich bestrafen.
ich muss ihr spiel, nicht zu sehen,
dass ich das spiel sehe, spielen.

— meint ronald d. laing.*

ich rede eine rede. eine rede ist öffentlich: deutlich hörbar, auch wenn sie kein gehör findet, sie ist nicht verborgen und heimlich — also unheimlich. im zeitlichen gefüge des vor- und nacheinander der ereignisse gleicht eine rede einem spiel mit verteilten rollen: ich spiele den spielführer, sie spielen publikum, die sprache spielt spielzeug. ich spiele vor, sie denken nach. damit sie gedanken nachdenken können, mache ich ihnen etwas vor; um nachvollziehbar zu sein, gebe ich eine vorstellung.**

ich stelle mich vor sie und stelle mich vor. ich stelle mir vor: dass sie sich täuschen. sage ich ihnen das, so werde ich sie enttäuschen. werfe ich etwas vor, dann tragen sie es nach; bin ich aber vorsichtig, so darf ich auf nachsicht hoffen. und: muss nicht jede nachträgliche betrachtung auch nachtragend sein?

um diese feier feierlich zu belassen, werde ich auf schlagworte und andere gewaltakte verzichten. doch besitzen auch harmlose worte schlagkraft — wenn sie beim wort genommen werden. das blatt papier, das meine reife allgemein bezeugt, trägt worte; diese nimmt man besser nicht beim wort. denn: welchen frieden stiftet ein 'befriedigend'? wozu reicht ein 'ausreichend' aus? ist 'gut' nicht mehr 'befriedigend'? während vielen ein 'befriedigend' nicht ausreicht, befriedigt andere auch ein 'ausreichend'. und: 'gut' ist so wie so gelogen. 'gut' heisst hier bloss 'besser als', denn die guten sind nur 'gut', wenn sie besser als die bösen sind — und so brauchen die guten die bösen: um sich zu unterscheiden.

besonders kennzeichnend ist das fehlen der rubrik besonderer kennzeichen. dafür ist enthalten im preis: ein durchschnitt schwarz auf weiss, auf eine dezimale — der ist dann 'individuelle note'. der rest der notengebung ist nur notbehelf. derartige bewertung ist nicht viel wert. wenn noten trotzdem notwendig sind, braucht, wer messen will: masstäbe. all das ist nicht gut — aber gut zu wissen.

ich weiss, dass ich nichts weiss, was sie wissen wollen. ich bilde mir nicht ein, etwas zu sagen zu haben — also bin ich nicht gebildet. meistens haben die, die das sagen haben, nichts zu sagen. viele haben das sagen, weil sie geschwiegen haben, als sie etwas zu sagen gehabt hätten, während andere, die etwas gesagt haben, zum schweigen gebracht wurden. den mächtigen macht es nichts aus, dass die machtlosen nichts gegen ihre ohnmacht machen. wichtiger als, was gesagt wird, ist: was verschwiegen wird.

man kann viel reden, ohne etwas zu sagen. ich: rede eine rede. da ein gebilde eine form braucht, ist bildung reine formsache. weisheit war zu empfangen und abzuliefern. fragen wurden gestellt und beantwortet, wissen bezeugt. kein zwischenraum in zwischen fragen. suchet nicht — so werdet ihr: euch abfinden! auch dies eine spielregel zu wahr um schön zu sein.

die schule hat die fragen nur verschieden beantwortet, es kommt jedoch darauf an, die fragen zu stellen. und 'fragen stellen' heisst immer auch: 'in frage stellen'. offene fragen wiegen schwerer als richtige antworten. wahrheit ist jenseits von wissen zu suchen — wo richtigkeiten enden, beginnen die möglichkeiten...

auch leistung ist nur möglichkeit — nicht ziel, sondern methode. oft ist es eine grössere leistung, nichts zu leisten. immerhin ist es besser: etwas gutes falsch, als: etwas schlechtes richtig zu machen. wo leistung selbstzweck wird, kann einer leicht seinen zweck verfehlen.

wer von ihnen, liebe mitspieler und gespielinnen, mitgespielt hat, darf heute mit denen, denen mitgespielt wurde, mitfeiern. doch auch diese feier ist nur zwischenspiel zwischen dreizehnjährigem vor- und lebenslangem nachspiel. zwar kennt das spiel gewinner und verlierer, doch haben heute auch die gewinner nichts zu verlieren.

der spielraum der wirklichkeit reicht über das spiel, kein spiel zu spielen, hinaus. dennoch darf ich mir nicht nur das recht herausnehmen, das spiel 'spiel' zu nennen, sondern auch: das spiel spielen. bedingung ist, dass ich weiss, dass ich spiele. denn: ich nehme es ernst, das spiel zu spielen — das spiel jedoch nehme ich nicht ernst. wird das spiel ernst genommen, so rächt sich der mangel an ernst im wesen des spiels. wo spiele zu ernst genommen werden, wird auch jeder ernst zum spiel. wirklich spielen heisst: sich für das spiel entschieden haben. wer unentschieden spielt, wird gespielt.

sie haben mich gelehrt, mich für oder gegen ein spiel zu entscheiden — danke schön! ich kann tun: was ich will. doch wer hätte mich gelehrt, zu wollen, was ich will?

sie? — spielen ein spiel...

 

*:

They are playing a game. They are playing at not
playing a game. If I show them I see they are, I
shall break the rules and they will punish me.
I must play their game, of not seeing I see the game.

R.D. Laing (1970). Knots. Pantheon Books: New York.

**:Die eigenwillige (und mir heute auch affektiert erscheinende) Interpunktion entstammt meiner damaligen Bewunderung für Uwe Johnson. Ich habe sie etwas abgemildert, um den als gesprochen gedachten Text etwas lesbarer zu machen.

Hansjörg Neth: Rede anlässlich der Verleihung des Scheffelpreises. Ernst-Sigle-Gymnasium, Kornwestheim, 1990.

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hanz@neth.de; 12/2000