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Mein persönliches Homepage-Credo

Zugegeben: es gibt gute Gründe gegen private Homepages. Meiner Erfahrung nach sind persönliche Internet-Seiten fast nie cool, entbehren selten einer unfreiwilligen Komik und wirken nur allzu häufig lächerlich und peinlich. Das liegt vermutlich daran, dass ein solches Projekt unweigerlich narzisstische und exhibitonistische Züge annimmt — schliesslich widmet sich da jemand einen virtuellen Schrein und hofft, dass die vermeintliche Fangemeinde dem digitalen Götzenbild ihren clickenden Tribut zollen wird!

Meine eigenen Eindrücke beim Besuch persönlicher Homepages sind fast immer ambivalent: Einerseits wundere ich mich über den betriebenen Aufwand und frage mich dann, wieso jemand ein solches Mitteilungsbedürfnis verspürt? Was an der eigenen Person könnte so wichtig sein, dass man es der ganzen (vernetzten) Welt mitteilen wollte? Gelegentlich werde ich auch dem Selbstbeweihräucherungspathos einer Seite überdrüssig und neige dann dazu, sie als Zumutung und blosse Webverschmutzung zu empfinden. Doch im selben Moment, in dem ich nach einer Rechtfertigung der zur Schau gestellten Eitelkeit suche, muss ich mir dann eingestehen, dass die mir unangenehme Bekenntnisseeligkeit dennoch meine Aufmerksamkeit erregt und für einige Zeit in Anspruch genommen hat...

Es steht ausser Frage, dass eine private Homepage nur vermittelt etwas über eine Person aussagt — und stattdessen eher darüber informiert, wie ein Mensch gesehen werden will. Zugleich gibt sie notgedrungen mehr und anderes über die sich zur Schau stellende Person preis, als diese beabsichtigt haben mag: Wieviel Aufwand ist dieser Person ihre Selbstdarstellung wert? Welchen ästhetischen Eindruck vermitteln ihre Seiten? Weiss sie sich auszudrücken und beherrscht sie die nötigen Techniken? Welchen Eindruck sucht sie bei mir zu erwecken?

So gesehen, ist die Homepagebastelei nicht nur eitle Selbstverherrlichung, sondern immer auch ein riskantes Unterfangen. Denn leider vermag kein Mass an technischem oder finanziellem Aufwand zu garantieren, dass man am Schluss beim Betrachter den Eindruck erwecken wird, den man erwecken wollte. Und das liegt nicht nur daran, dass es in Webdesign-Gefilden an Fettnäpfchen nur so wimmelt, in die man unweigerlich unfreiwillig tritt. Vielmehr unterscheiden sich das Geschmacks- und Stilempfinden unterschiedlicher Betrachter so grundsätzlich, dass man es nie allen rechtmachen kann. (Ist Ihnen diese Seite zu bunt oder nicht farbenfroh genug? Finden Sie sie 'reflektiert' oder nervt Sie das 'pseudo-intellektuelle Palaver'?)

Ist man erst einmal für diese Gefahren sensibilisiert, kann man sich umgekehrt fragen, wieso man sich einem solchen Wagnis überhaupt aussetzen sollte? Muss mich nicht jeder Besucher meiner Seiten letztlich für einen selbstverliebten Egomanen halten?

Ein gewisses Mass an Absolution kann man als Web-Autor dadurch erlangen, dass man darauf verweist, dass das Internet ein "pull-medium" darstellt. Da der einzelne Surfer bestimmte Seiten jederzeit verlassen oder meiden kann, ist er letztlich selbst dafür verantwortlich, welchen Informationen er sich aussetzt und welchen Datenschrott er meidet. Aufgrund dieses sich selbst regulierenden Selektionsprozesses bleiben vermutlich jeder Seite am Ende nur die Leser, die sie sich verdient hat.

Doch leider stimmt dies auch nur noch mit Einschränkungen und kann daher nur bedingt entlastend wirken. Wenn ich z.B. meine Seiten mit genug klebrigen keywords bestücke und sie dann von Suchmaschinen indizieren lasse, werden mich viele Surfer unfreiwillig besuchen. Und da sich alle Nutzer letztlich dieselben Leitungen teilen, hat der Datenverkehr zwischen einem bestimmten Angebot und seiner Fangemeinde immer auch Auswirkungen auf Dritte.

Niemand zwingt mich (oder Sie), die digitalen Ergüsse irgendwelcher Webidioten zu lesen. Dass ich es dennoch immer wieder (und mit manchmal beängstigender Obsessivität) tue, verweist darauf, dass auch private Homepages zunehmend eine Funktion erfüllen. Denn sie erlauben uns, eine in ihrer Bedeutsamkeit nicht zu unterschätzende Neugierde zu befriedigen. Beinahe täglich sehe oder lese ich etwas von oder über jemanden, von der oder dem ich dann gerne mehr wissen würde. Oft bietet eine rasche Internet-Recherche eine Fülle von Spuren, deren Verfolgung ein mehr oder weniger stimmiges Bild von den Aktivitäten der Person und deren Bewertung durch Dritte zeichnen. Fehlt in diesem Mosaik eine Eigendarstellung, so verrät auch das etwas über die betreffende Person.

Kann man davon ausgehen, dass die betreffende Person über die nötigen Ressourcen für eine Internetpräsenz verfügt, so bedeutet die Abwesenheit einer solchen, dass sie (aus welchem Grund auch immer) nicht gewillt ist, im wohl wichtigsten Informationsmedium unserer Zeit vertreten zu sein. Noch wird dies nicht als Verstoss gegen gesellschaftliche Konventionen empfunden und entsprechend sanktioniert. Doch genauso, wie wir es heute als seltsam, rebellisch oder befremdend empfinden, wenn sich jemand einer Kleiderordnung widersetzt oder grundsätzlich nicht per Telefon erreichbar ist, wird es in nicht allzu ferner Zukunft auf Verwunderung, Unverständnis und Ablehnung stossen, wenn wir vergeblich nach der Internet- oder Emailadresse einer Person suchen.

Dabei geht es keineswegs um einen Offenbarungszwang bzw. einen Druck zur unfreiwilligen Offenlegung persönlicher Angelegenheiten. Wer auf seiner Homepage Einblicke in seine Intimssphäre gewährt, ist selbst dafür verantwortlich. Während die grundsätzliche Zweifelhaftigkeit von Quellen oft ein beklagenswerter Nachteil des Internets ist, eignet sich sein Charakter hervorragend zum Schutz der eigenen Privatssphäre: Jede meiner Seiten enthält exakt die Informationen, die ich auf ihr veröffentliche. Und wenn ich in Zukunft beschliessen sollte, dass Sie meine Telefonnummer eigentlich nichts angeht, werden Sie diese auf meinen Seiten vergeblich suchen.

Die Grundregeln der sozialen Interaktion gelten selbstverständlich auch in virtuellen Gefilden. Eines der wichtigsten Gesetze lautet: 'Man kann sich nicht nicht verhalten.' Auch wenn man momentan eher noch riskiert, sich durch die eigene Homepage vor der ganzen Welt lächerlich zu machen — auch die Verweigerung einer solchen macht eine Aussage und wird zunehmend als solche interpretiert werden.

Aber es wäre falsch und übertrieben, das Betreiben einer persönlichen Seite daher als Auftrag und Pflicht zu verstehen. Stattdessen begreife ich es als Chance — als gute Gelegenheit, in einer zunehmend durch (reale und soziale) Distanzen gekennzeichneten Umwelt einiges über mich auszusagen, an einem sicheren Ort abzulegen und für andere zugänglich zu machen. Da ich die letzten drei Jahre in drei verschiedenen Ländern gelebt habe, weiss ich, wie leicht man auch gute Freunde und Bekannte aus den Augen verlieren kann. Und obwohl ich keineswegs die anderen Kommunikationskanäle durch die einseitige Präsentation einer Internet-Site ersetzen will, finde ich den Gedanken beruhigend, dass man mich bei Bedarf hier finden wird und den Kontakt wiederaufnehmen kann. Und umso besser, wenn sich gelegentlich eine mir bislang unbekannte Person auf diese Seiten verirrt und gerne meine Bekanntschaft machen will!

Wer diese Seite ungezwungen bis hierher gelesen hat, vor dem brauche ich die Existenz meiner Seiten wahrscheinlich gar nicht mehr zu rechtfertigen. Da Sie sich — aus welchem Beweggrund auch immer — auf meine Seiten verirrt haben und gerade diesen Text lesen, gehe ich davon aus, dass Sie etwas über mich erfahren möchten (oder zumindest wollten). Und da jede WWW-Seite letztlich auch ein kommunikatives Wagnis darstellt, bitte ich Sie, mir mitzuteilen, in welchem Masse Ihr Interesse durch diese Seiten enttäuscht oder befriedigt wird. Egal ob Sie mich nun gerne zum Freund oder zum Feind hätten, sich jetzt kichernd ins Fäustchen lachen oder gar seit einigen Minuten verzweifelt nach dem "Zurück"-Knopf suchen — bitte zögern Sie nicht, mich im Rahmen meiner Umfragen, per Email, Feedbackformular oder im Gästebuch mit Ihrer Meinung, Ihrem Lob oder Ihrem Spott zu behelligen. Und wenn Sie sich lieber heimlich Ihren Teil denken und jetzt in das weite Web hinaus enfliehen, so wünsche ich Ihnen noch eine angenehme Reise.

© Hansjörg Neth, 2001

Hinweis:

Falls Ihnen dieser Text gefällt, dürfen sie ihn (ganz oder in Auszügen) gerne und ungefragt auf Ihrer eigenen Homepage verwenden, vorausgesetzt der obige Copyright-Hinweis (mit meinem Namen und dem Link auf www.neth.de) ist auf derselben Seite sichtbar enthalten.

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hanz@neth.de; 01/2001